Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde St. Bonifatius im 20. Jahrhundert

Frankfurt am Main ist mit dem Dom, St. Leonhard, Deutschorden und Liebfrauen nicht nur ein Zentrum der deutschen Spätgotik, sondern hat nach dem Ersten Weltkrieg in den Randbezirken der Innenstadt auch hervorragende Kirchen der klassischen Moderne hervorgebracht. Das erste bedeutende Werk aus dieser Epoche ist die Bonifatiuskirche in Sachsenhausen.

Die ehemalige Fischervorstadt Sachsenhausen, auf dem linken Mainufer gelegen, war 1333 in den Mauerring der Stadt Frankfurt einbezogen worden. Kirchlich wurde der Stadtteil von der Niederlassung des Deutschen Ordens betreut, der am 1193 gegründeten Hospital eingerichtet war. Er konnte mit der Dreikönigenkirche seit 1452 eine eigene, mit dem Bartholomäusstift (Dom) verbundene Pfarrvikarie erhalten. Nachdem diese in der Reformation lutherisch wurde, feierte man katholischen Gottesdienst innerhalb der einzigen Pfarrei an St. Bartholomäus in Sachsenhausen nur in der Deutschordenskirche. Nach der Säkularisation des Deutschhauses 1809 unterblieb er hier. Von 1813 bis 1818 war die Kirche vollständig profaniert. Der für die Sachsenhäuser Kirche zuständige Frankfurter Stadtpfarrer konnte erst ab 1836 wieder einen Pfarrverweser anstellen, der jedoch dem bis 1881 für die Kirche wieder zuständigen Deutschen Orden unterstand. 1889 wurde Sachsenhausen ein selbständiger Seelsorgsbezirk in der riesigen Stadtpfarrei und 1917 Pfarrkuratie. Erst 1922 trennte man diesen von der Dompfarrei und errichtete unter dem Patronat des hl. Bonifatius eine eigene Pfarrei. Erster Pfarrer war Dr. Peter Josef Karst (1927-1940, seit 1909 Rektor bzw. seit 1922 Pfarrvikar). Die Gottesdienste der neuen Pfarrei fanden weiterhin - jedoch als Provisorium für eine zu errichtende Kirche - in der Maria-Himmelfahrts-Kirche des Deutschen Ordens statt.

Schon 1912 hatte man geplant, in dem schnell wachsenden Stadtteil Sachsenhausen eine neue Pfarrkirche zu errichten. Der Erste Weltkrieg stoppte zwar die Bauplanung, doch verband man im Krieg diese Idee mit einer Erinnerungsstätte an das 1916 gefeierte 1200 jährige Jubiläum des ersten Auftretens des hl. Bonifatius (t 754) auf dem Kontinent. Nach dem Krieg wurde die Bauplanung auch weiterhin verzögert, da die bis dahin angesparte Geldsumme der Inflation zum Opfer fiel. Zwischenzeitlich hatte man mit der Idee einer Bonifatiusgedächtniskirche, die auch in der Benennung der neuen Pfarrei zum Ausdruck kam, noch den Gedanken einer Gedächtniskirche für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen verbunden. Bei dem 1925 für die Pfarr-, Jubiläums- und Kriegergedächtniskirche ausgeschriebenen Wettbewerb siegte der Frankfurter Architekt Martin Weber (Frankfurt 9. Dezember 1890 27. Februar 1941). Der 2. Preis fiel an Hans Herkommer, der 3. an die Architektengemeinschaft Huch und Grefges. Der erste Spatenstich erfolgte am 28. März und der Chorturm im Westen der Kirche.

Die Grundsteinlegung am 27. Juni 1926. Die Bauarbeiten gingen trotz Abänderung des prämierten Entwurfs schnell voran, so dass schon am 7. August 1927 die Konsekration durch den Limburger Bischof Augustinus Kilian (1913-1930) erfolgen konnte. In den dreißiger Jahren hatte sich der erste Pfarrer wiederholt mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, der großzügig angelegte Kirchenbau, der stark vom Bonifatiusverein gefördert worden war, sei ein "Luxusbau".

Bei Luftangriffen am 29. Januar und 22. März 1944 wurde die Kirche schwer getroffen. Teile des Gewölbes und ein großer Teil der Innenausstattung fielen den Bomben und dem folgenden Brand zum Opfer. Der zweite Pfarrer, Dr. Alfred Gollasch (1940-1958), konnte schon bis 1948 die größten Schäden beseitigen. Die Innenausstattung der Kirche wurde in den Folgejahren jedoch nur vereinfacht wiederhergestellt. Die Umgestaltung in den sechziger Jahren unter Pfarrer Erich Heinzmann (1958-1969) veränderte das vom Architekten ursprünglich vorgesehene Konzept noch nachhaltiger, um die Kirche den Forderungen des 11. Vatikanums anzupassen. Die Krypta unter dem Turm wurde unter Pfarrer Wolfgang Schöpping (1969-1976) neu gestaltet. Erst die erneute Renovierung 1987 unter Pfarrer Richard Weiler (seit 1976) stellte den bedeutenden expressionistischem Innenraum weitgehend wieder her.

Der Außenbau

Der Architekt Martin Weber hatte bei der Bauplanung zwei Bedürfnisse zu verbinden: Der Neubau sollte zum einen der großen Bonifatiuspfarrei als Pfarrkirche dienen und gleichzeitig als Gedächtnisstätte genutzt werden. Das Grundstück an der Ecke Holbein-/Thorwaldsenstraße verlangte eine städtebaulich akzentuierende Bebauung. Von der auf die Kirche zuführenden Textorstraße aus ist die hoch aufragende Giebelwand und der dahinter steil ansteigende Chorturm schon von weitem zu sehen. Pfarrhaus und Kirche sind gegenüber der Straße noch einmal etwas zurückgenommen, so daß ein kleiner Vorplatz entstand. Dadurch ist auch von der quer vorbei führenden Holbeinstraße aus die großartige Eingangswand gut zu sehen.

Sachsenhausen steht mit der Bonfatiuskirche, ähnlich wie schon mit der 1880 vollendeten protestantischen Dreikönigskirche, am Beginn der Übernahme eines neuen Stils. Leitete dieses Bauwerk des Dombaumeisters Franz Joseph von Denzinger die Frankfurter Neugotik ein, so begründete die katholische Bonifatiuskirche die klassische Moderne. Zum ersten Mal wurden in Frankfurt moderne Baumaterialien, Stahlbeton und Klinker, verwendet. In der einsetzenden Diskussion wurden sie als einer Kirche nicht würdig abgelehnt. Dennoch ergeben gerade das Material Klinker und einzelne Dekorationselemente auch noch Verbindungslinien zur norddeutschen Backsteingotik, wie überhaupt gotische Stilelemente noch vielfach verwendet werden. Weber gab diese erst bei seinen folgenden Kirchbauten in Frankfurt-Bornheim (Hl. Kreuz) und Frankfurt-Riederwald (HI. Geist) auf.

Der Kirchbau ist nach Westen orientiert, folgt also nicht der üblichen Ausrichtung. Der Turm im Westen ist als Chorturm in die große Halle so eingefügt, dass das untere Drittel des sechseckigen Baukörpers zur Hälfte in das Kirchenschiff eingestellt ist. Im Osten springen zwei mächtige Treppenhausblöcke vor, die eine schmale, der norddeutsch-niederländischen Backsteingotik nachempfundene Eingangswand mit Treppengiebel in ihre Mitte nehmen. Ein ähnlicher, aber kleinteiligerer TreppengiebeI ziert auch die Hauptkirche von Bonifatius‘ Martyriumsort Dokkum in Westfriesland. Der warme braunrote Klinkerton der Sachsenhäuser Kirche sollte farblich einen Bezug zum Martyrium des Kirchenpatrons herstellen. Die beiden Treppenhäuser sind je durch ein schmales rechteckiges Fenster gegliedert, dessen aufgesetztes Dreieck leicht an einen gotischen Spitzbogen erinnert. Die Fenster werden zudem von kleinen auf Klinkerkonsolen ruhenden Balkonen unterfangen, deren Geländer rechts mit einem 5 (für Sanctus) und links mit einem B (für Bonifatius) geschmückt sind. Das obere Gesims am Dachansatz ist aus Muschelkalk gebildet. Zur eingestellten Giebelwand führt eine dreiseitige Freitreppe. Das Doppelportalteilt ein statuenbekrönter Trumeau-(Mittel-)pfeiler. Flache Klinkerlisenen rahmen die vier über dem Portal stehenden Fensterbahnen, die ähnlich gebildet sind wie an den Treppentürmen und der ganzen Kirche. Flache, sechseckige wabenähnliche Vertiefungen mit vertieftem Fischgrätmuster und Rautengitterwerk im Klinkermauerwerk des eigentlichen Giebels geben ihm ein ganz eigenes Gepräge. Das Doppelportal und der Mittelpfeiler sind aus roh behauenem Stein gebildet, der die bronzebeschlagenen Türen umfängt. Der Mittelpfeiler trägt eine Figur des Kirchenpatrons von Bildhauer Arnold Hensler (*Wiesbaden 23. Juli 1891, t 10. Mai 1935 Trier), der auch die Kreuzigungsgruppe auf dem Limburger Domfriedhof geschaffen hat. Bonifatius ist ähnlich den Statuen der französischen Kathedralgotik überlängt. Hensler präsentiert ihn als jugendlichen Mönch, der das Evangelienbuch mit beiden Händen auf der Schulter trägt und mit dem Zeigefinger auf das Kreuz darin verweist. Aus der älteren Kunst übernommen ist auch das Motiv der Zerstörung des Bösen. Der Heilige zertritt mit seinen Füßen dessen Symbol. Es wird dabei auf ein historisches Ereignis Bezug genommen, die Fällung der Donareiche in Geismar 723/24, auf die durch einen eingekerbten Baumstamm mit Eichenblatt zu Füßen des Heiligen verwiesen wird. Die Ausführung von vier weiteren geplanten Figuren, den Bistumsheiligen Hildegard von Bingen, Elisabeth von Schönau, Lubentius von Dietkirchen und Hrabanus Maurus, wurde durch den frühen Tod des Bildhauers verhindert.

Der links an die Fassade anschließende, zweigeschossige Pfarrhausbau nimmt die  Formen der Kirche vereinfacht auf. Auffällig ist die spitzbogige Doppelarkade des Eingangs, die durch eine vierreihige Klinkereinfassung umrahmt ist. Ähnlich einfach gehalten sind die Außenmauern des eigentlichen Kirchenschiffs, das an den massiven Treppentürmen ansetzt. Hier wiederholen sich im unteren Bereich die Arkaden des Pfarrhauseingangs, nun über schmale Klinkerstreifen mit den Lanzettfenstern verbunden. Den oberen Abschluß bildet ein umlaufendes Gesims aus grob behauenem Stein, das im Westen durch die beiden vorragenden Seiten des sechseckigen Chorturms unterbrochen wird. Da hier die dreibahnigen Lanzettfenster erst in Gesimshöhe beginnen, können die schmalen Klinkerbänder über den wie die Arkaden gebildeten Kryptafenstern in Kreuzform auslaufen. Das Schiff wird durch ein steil aufragendes Satteldach gekrönt. Neben dem 50 m hohen Chorturm befindet sich der bronzebeschlagene Eingang in den Pfarrsaal - ebenfalls unter einer solchen spitzbogigen Klinkerarkade. Die auf vier Seiten ansetzenden dreibahnigen Turmfenster sind durch eine Linsenendgliederung mit den ebenfalls dreibahnigen Schallöchern verbunden. Auf drei der sechs Schallöcher sitzt je ein großes Zifferblatt der Uhr. Die Turmbekrönung ist vielfach gefaltet und trägt ein griechisches Kreuz, dessen Arme nach allen Seiten ausgreifen und sich gegenseitig durchdringen. Im Turm wurden schon am 17. Juli 1927 fünf Glocken aus der Gießerei der Gebr. Ulrich in Apolda (Thüringen) angebracht: Christ König h0 (2938 kg); Bonifatius d' (1772 kg); Maria e' (1225 kg); Josef fis' (874 kg); Angelus h' (345 kg). Nur die heute der hl. Hildegard geweihte Angelusglocke war 1942 der Abgabe und Einschmelzung entgangen. 1947 wurde dieses Geläut durch eines in Eisenhartguss aus der Werkstatt Schillirig/Apolda bzw. Weule in Bockenem/Harz ersetzt: Christ König b0 (3450 kg); Bonifatius c' (1900 kg); Maria es' (1380); Josef f' (1060); Johannes g' (730 kg); Angelus b' (420 kg).

Das Innere

Betritt man die Kirche durch das Hauptportal oder den Eingang vom Pfarrhaus her, gelangt man zuerst in eine niedrige Halle unter der Empore, die auf Pfeilern ruht. Von diesen niedrigen Hausteinpfeilern steigen die Grate der Gewölbe ohne Zäsur auf. Ihre Spitzbogen erinnern noch an vergleichbare aus gotischer Zeit, heben sich in ihrer Schlichtheit dennoch von diesen ab. In der Stirnwand der niedrigeren Emporenhalle liegen nicht nur die Türen des Hauptportals, sondern auch die Türen in die östlichen Treppenhäuser. Die Emporenhalle birgt den Taufstein und ein barockes Marienbild. Der Taufstein, teilweise aus Terrakotta, wurde zeitgleich mit dem Kirchbau durch die Mettlacher Firma Villeroy & Boch angefertigt, der Taufsteindeckel durch Schlossermeister Müller aus Frankfurt. Auf einem in Form eines griechischen Kreuzes gefertigten Sockel, dessen Arme wiederum ein kleines reliefiertes Kreuz tragen, ruht die untere Halbkugel des Taufbeckens. Die lateinische Inschrift (consepulti ei in baptismo, in quo resurrexistis per fidem operationis Dei; Coll. 2,12 - Mit ihm seid ihr in der Taufe begraben, durch den ihr im Glauben an die Macht Gottes auferweckt seid, Kol 2, 12) verweist auf die liturgischen Tauftexte aus der Bibel.

An der Nordwand erblickt man ein barockes Mariengemälde, in niederländischflämischer Manier um 1700 entstanden, das jedoch von dem kaiserlichen Hofmaler Jan Kupeckg (Bösing bei Preßburg/Bratislava 1667 - Nürnberg 16. Juli 1740) stammt. Die in traditionelles Blau und Rot gekleidete Gottesmutter wendet sich dem auf einem weißen Tuch auf ihrem Schoß sitzenden Jesuskind zu, das eine gläserne Weltkugel am bekrönenden Kreuz hält und den Betrachter anblickt. In einer Seitennische des Schiffes steht daneben noch eine barocke Immaculata auf einer halbierten Weltkugel, die die Schlange zertritt. Sie entstand wohl in einer Mainzer Werkstatt des 18. Jh..

Die verhältnismäßig tiefe Empore erinnert in einigen Motiven an gotische Nonnenemporen wie in Kloster Altenberg bei Wetzlar, wo an der Stirnwand Blindfenster auftauchen, die jedoch in St. Bonifatius geöffnet sind. Die heute einfarbige Emporenbrüstung, die nur durch eine dreieckige Dirigentenkanzel unterbrochen wird, trug früher die Inschrift aus Psalm 150: "Laudate eum in tympano et in choro, laudate eum in chordis et organo, laudate eum in cymbalis bene sonantibus, laudate eum in cymbalis jubilationis Ps. 150" (Lobt ihn mit Pauken und im Chor, lobt ihn mit Saiten und Instrumenten, lobt ihn mit wohl klingenden Zimbeln, lobt ihn mit jubelnden Zimbeln.)

Die Orgel ist das vierte Instrument an diesem Platz. 1927 hatte man gerade das Geld, für 2400 RM eine gebrauchte Orgel zu erwerben. Man erstand die um 1850 erbaute Orgel der evangelischen Kirche von Niederursel, die jedoch nur als Provisorium gedacht war. Der Bau einer neuen Orgel 1941 durch die Firma Walcker in Ludwigsburg wurde durch den Zweiten Weltkrieg vereitelt. 1957 erwarb die Gemeinde die ausgediente Orgel des Hessischen Rundfunks mit drei Manualen und 37 Registern. Schon 1973 mußte sie durch eine elektronische Orgel der Firma Vierling mit 48 Registern, damals die größte elektronische Kirchenorgel Deutschlands, ersetzt werden. 1986 begannen Planungen, das elektronische Werk doch wieder durch eine Pfeifenorgel zu ersetzen.

Von 1991 bis 1994 wurde schließlich die jetzige Orgel von der Bonner Orgelfirma Klais gebaut; das 40 registrige, dreimanualige Werk wurde am 5. März 1995 eingeweiht.

Von der unteren Emporenhalle aus öffnet sich das 16 m hohe, 53 m lange und 22 m breite Schiff als mächtiger Spitzbogensaal. Ohne Kapitelle oder Kämpfer gehen auch hier die Pfeiler, deren tragende Teile als Binderbögen aus Eisenbeton gebildet sind, in die Gewölbe über. Die Gewölbelinien zeichnen ein mystisch wirkendes Spiel von Licht und Schatten aus, das durch den Chorturm noch gesteigert wird und sich zu einem besonderen expressionistischen Raumerlebnis fügt. Anders als die von Hubert Pinnand aus Darmstadt erbaute, ebenfalls 1927 geweihte Pallottinerkirche St. Marien in Limburg mit ihrem parabelförmigen Gewölbe erinnert die Bonifatiuskirche mit ihrem Spitzbogen noch deutlich an gotische Ordenskirchen. Im Gegensatz zu der in leichtem Marsrot gehaltenen Empore und den auf einem roten Tonfliesensockel lagernden, ebenfalls marsroten Wänden zeigt das Spitzbogengewölbe ein zartes Blau. Der Raum des Chorturms erstrahlt eher in gelblichen Tönen. Einen weiteren Farbakzent setzt der rotbraune Fußboden aus gebrannten Tonfliesen der Firma Villeroy & Boch. Die Stufen zum Chor nehmen diese Farbe auf.

Die Ewiglichtampel über der Tabernakelstele im Chor

Anders als das ins Halbdunkel gehüllte Schiff, das die diesseitige Pfarrgemeinde aufnimmt, sollte der Chorturm mit seiner Lichtfülle auf das Jenseitige verweisen. Er ist der Gedächtnisraum - die Memoria des Heiligen und der Weltkriegsgefallenen, aber mehr noch der Raum des Gedächtnisopfers im Sinne der damaligen liturgischen Bewegung. Seit der letzten Restaurierung führt wieder eine Treppenanlage zum Altar, die jedoch nicht mehr ganz der ursprünglichen Anlage aus der Zeit Martin Webers entspricht. Der Hochaltar mit einem Tabernakelaufbau und bekrönendem Ziborium (Baldachin) ist über einige Zwischenstationen einem modernen Zelebrationsaltar gewichen. Die ebenfalls moderne Tabernakeistele im Chorscheitel, von Jungherz entworfen, ist in einen retabelähnlichen Aufbau integriert, der seitlich die alten Altarleuchter trägt und von zwei großen Standleuchtern begleitet wird, die dem ursprünglichen Weberentwurf nachgearbeitet wurden. Über dem Tabernakel hängt wieder die ursprüngliche Ewiglichtampel, über deren Schale drei Kronreifen schweben und die unten in eine kegelförmige, gefaltete Spitze ausläuft. Ähnlich wie bei den frühmittelalterlichen, westgotischen Votivkronen des Rekkeswinth im Musäe Cluny in Paris wird die eigentliche Lampenschale von hängenden Buchstaben geziert, die hier - analog zu den drei Kronen - im dreimaligen Sanctus (heilig) auf die Trinität verweisen. Über dem lichterfüllten Chorraum breitet sich ein Stahlbetonnetzgewölbe, das an ähnliche Konstruktionen im spanisch-arabischen Bereich (Granada), aber auch an sächsische Zellengewölbe der Spätgotik erinnert. Die dreibahnigen Fenster der vier Seiten des Turmsechsecks erfüllen diesen Raum mit hellem Licht. In dieser Lichtführung erinnert der Bau auch an die 1920-1924 von Peter Behrens erbaute Eingangshalle des Verwaltungsgebäudes der Hoechst AG. Die in den 60er Jahren eingebrachten Fenster von Johannes Beeck in dominierendem Rot, Grau und Blau stören jedoch die Raumwirkung, die ursprünglich ganz auf dem Goldgelb, der mittelalterlichen Himmelsfarbe, beruhte.

Die Seitenaltäre wurden nach dem Krieg entfernt. An Stelle des früheren Herz-JesuAltars befindet sich heute ein einfacher Ambo. Die sandsteinrote Muttergottesfigur des Marienaltars, 1927 von Bildhauer Johann Belz aus Frankfurt-Schwanheim geschaffen, steht heute auf einer kleinen Konsole. Sie zeigt die barfüßige Immaculata mit den geöffneten Haaren der Jungfrau und einem einfachen, enganliegenden Gewand mit goldfarbigem Rand.

Krypta

Auf dem Weg zur Krypta passiert man das Holzrelief der hl. Theresia vom Kinde Jesu mit der Inschrift: "Sancta Teresia a Jesu Infante Patrona missionum" (Heilige Theresia vom Kinde Jesu, Patronin der Missionen). Auch dieses Relief, eher im Stil der allgemeinen Gebrauchskunst der Zeit, stammt aus den 20er Jahren; ist nun aber vom Frankfurter Bildhauer Josef Rainer geschaffen. Die Heilige wird von zwei Kindern und einem Kapuziner, sowie einem anderen Ordensbruder (hl. Aloysius Gonzaga?) begleitet, die jeweils eines der Kinder unterweisen. Über eine Treppe gelangt man in die sechseckige Krypta unter dem Turm, die als einfacher Kapellenraum für Werktags- oder Gruppengottesdienste dient. Holzbänke umstehen einen alten hölzernen Tischaltar mit einem Zitat Jesu aus den Abschiedsreden bei Johannes (Joh 15,13). Die
Inschrift lautet: "Es gibt keine größere Liebe, als der sein Leben einsetzt für seine Freunde". Die beiden Fenster des Sechsecks wurden 1973 von dem Frankfurter Künstler Joachim Pick geschaffen und zeigen die göttliche Vergangenheit - die Schöpfung - und die Zukunft - die Offenbarung des Johannes. Den ganzen Raum überspannt ein sternförmiges, bis zum Boden reichendes Gewölbe mit Spitzbogennischen.

Würdigung

Martin Weber selbst beschrieb 1927 die Kirche, die beste Würdigung, die man diesem Bau geben kann: "Die mächtige Spitzbogenhalle liegt im blauen Halbdunkel des Diesseits, sich selbst kein Licht zu spenden imstande, lang hingestreckt zu Füßen des in übermächtiger Lichtfülle erstrahlenden hohen Chorraums, unter dem der dem Gedächtnis St. Bonifatius' geweihte Hochaltar steht. Hier findet das unruhig durchs lange Schiff eilende Auge seine Ruhe im 'Tabernaculum Dei cum homninibus' [Zelt Gottes unter den Menschen]. Die rote Märtyrerfarbe des Kirchenpatrons beginnt in der Opferstätte und breitet sich gleich einem großen roten Teppich über die Altarstufen, über die Chortreppe, über den ganzen Kirchenschiff-Fußboden hin, bis zu dem in leichtem Marsrot gehaltenen Emporengewölbe, im Schiff durchsetzt mit Schwarz, im Chor mit dem blinkenden gleißenden Gold des Tabernakels, der Kerzenträger und der Ampel. Wir treten nicht durch den höchsten Teil, durch die turmgeschmückte Fassade in das Heiligtum ein, das sich im Innern immer mehr verengt und verdunkelt und sein Ziel findet in einem kleinen in mystisches Licht gehüllten Altarraum; nein, die große Freitreppe gibt den ersten Auftakt zum 'sursum corda' [erhebt die Herzen), das hier, im paradiesartigen Vorplatz beginnend, im Innenraum sich fortsetzt, immer höher steigend und heller werdend, bis es seinen Höhepunkt findet im hellen lichtspendenden, freudig triumphierenden Gedächtnisraum des heiligen Bonifatius. Dieser hohe, helle Chor bildet auch im Äußeren die höchste Erhebung, den Turm, die ureigentliche Wohnung Gottes. Er steht in den Achsen der Hauptstraßen weithin sichtbar, die großen Traditionen der katholischen Kirche ganz als Kind seiner Zeit hochhaltend, aus der Umgebung herausgewachsen, unzertrennlich mit ihr verbunden, um späteren Jahrhunderten zu künden von der neu aufblühenden Liebe und Begeisterung zum zeitgemäßen katholischen Kirchenbau.

In der St.-Bonifatius-Kirche konnte es erstmalig versucht werden, eine sakrale Stimmung mit den denkbar einfachsten architektonischen Mitteln zu erzielen, wie es in dem großen Maßstab bisher noch nicht versucht worden ist. Die Tönung des Putzes in der oben erwähnten Steigerung der Farbe nach dem Chor hin, die leicht abgedämpften Antikglasfenster, die einfache sachliche Behandlung von Bänken, Beichtstühlen und Beleuchtung werden zweifelsohne als bemerkenswerter Markstein in der Geschichte des Kirchenbaus vom 20. Jahrhundert verzeichnet werden können."

Geschichte der Orgel

Die Orgeln von St. Bonifatius seit 1927

Der Weg zu einer neuen Pfeifenorgel für die St. Bonifatius-Kirche führt über einige Hürden. Um es vorweg zu nehmen: Das jetzt fertiggestellte Instrument der Firma Klais ist die erste neue, speziell für unseren Kirchenraum entworfene Pfeifenorgel.

Nach Einweihung der Bonifatiuskirche am 7. August 1927 ist das Geld in der Gemeinde knapp. Es kann als Notlösung lediglich für 2400 Reichsmark eine kleine, gebrauchte Orgel erworben werden. Das Instrument, erbaut um 1850, stammt aus einer vor dem Abriss stehenden evangelischen Kirche in Niederursel.

Der Wunsch nach einer der Kirche angemessenen Orgel führt 1941 zur Bestellung einer neuen Orgel bei der Firma Walcker in Ludwigsburg zum Preis von 30893 Reichsmark. Dieses Geld ist in der Gemeinde in kurzer Zeit aufgebracht und bei der Firma hinterlegt worden. Das bestellte Instrument wird aber nie geliefert, da Walcker inzwischen zu Rüstungszwecken verpflichtet worden ist.

1957 erwirbt die St. Bonifatius Gemeinde die ausgediente Orgel des Hessischen Rundfunks. Dieses Instrument kann mit seinen auf drei Manualen und Pedal verteilten 37 Registern den Kirchenraum klanglich recht gut füllen — viele Gemeindemitglieder werden sich noch daran erinnern können. Diese Orgel wird nach 1 5 Jahren so sehr reparaturanfällig, dass die Gemeinde vor der Wahl steht, sie grundlegend instandsetzen zu lassen oder für weniger Geld ein neues elektronisches Instrument zu kaufen.

Im Frühjahr 1973 wird die elektronische Orgel der Firma Vierfing zum Preis von unter 100.000 DM installiert — zunächst zusätzlich zur noch vorhandenen Pfeifenorgel, die erst im Sommer 1974 abgebaut wird. Sie ist mit ihren 48 Registern, wiederum auf drei Manualen und Pedal, damals die größte elektronische Kirchenorgel Europas und kann die Ansprüche der Gemeinde befriedigen.

Mitte der achtziger Jahre ist ihr Zustand jedoch durch die im Laufe der Jahre vorgenommenen Veränderungen und durch altersbedingten Verschleiß desolat und ihr Klang völlig unbefriedigend geworden.

Entwicklung des Projekts »Neue Pfeifenorgel«

Der Wunsch nach einer unserer Kirche angemessenen neuen Pfeifenorgel wächst. Die durch den Pfarrgemeinderat im Oktober 1986 gegründete »Arbeitsgruppe Orgel« nimmt neben der Überholung der elektronischen Orgel (1987) Planungen für den Neubau einer Pfeifenorgel in Angriff. Die für das Projekt benötigten Mittel werden fast vollständig von der Gemeinde aufgebracht werden müssen. Es steht lediglich ein Zuschuss des Bistums Limburg in Höhe von 35.000 DM zur Verfügung. Durch ein spezielles Finanzierungskonzept, durch Spendenaktionen und Einzelinitiativen wird durch die Gemeinde bis Ende 1990 ein Spendenkonto von über 300.000 DM aufgebaut. Grundlage ist die Idee, dass sich jeder Interessierte symbolisch seine persönliche Orgelpfeife erwerben kann. Dabei wird von Anfang an auf Kollekten während der Gottesdienste bewusst verzichtet, damit das Orgelprojekt nicht zu Lasten anderer Anliegen der Gemeinde und der Kirche geht.

Anfang 1991 wird die Ausschreibung der neuen Orgel vorbereitet. Der Ausschreibungstext und die anzufragenden Orgelbaufirmen werden mit dem Referat Kirchenmusik des Bistums Limburg (KMD Hans-Otto Jakob) abgestimmt. Am 15. Februar 1991 erfolgt die Anfrage des Orgelneubaus bei sechs Orgelbaufirmen (vier aus Westdeutschland, eine aus Ostdeutschland und eine aus der Schweiz).

Anforderungen an die Orgel

Die Ausschreibung geht von folgenden Randbedingungen aus: - »Ideenwettbewerb« ohne Vorgabe einer Musterdisposition

  • Vorgabe eines Kostenrahmens (Gesamtpreis der Orgel)
  • Auftragsvergabe auf Basis des Orgelbau-Mustervertrages des Bistums Limburg
  • Anforderungen an das Klangvolumen wegen der akustischen Besonderheiten der Kirche.
  • Stilistische Eingliederung des Orgelgehäuses in die Pfarrkirche St. Bonifatius, Berücksichtigung der Vorgaben der Denkmalpflegebehörde (unsere Kirche steht unter Denkmalschutz)
  • Berücksichtigung der baulichen Gegebenheiten der Empore (Tragfähigkeit!)
  • Berücksichtigung von genügend Stellfläche für den Kirchenchor.

Zwei Zitate aus dem Ausschreibungstext sollen dem Leser ermöglichen, sich selbst ein Bild über das Ergebnis zu machen.

» . . . Die Disposition der Orgel und die Mensurierungen sollen die akustischen Besonderheiten der Kirche (u. a. langer Nachhall der leeren Kirche, großer akustischer Unterschied zwischen leerem und vollbesetztem Kirchenraum) berücksichtigen und so ausgelegt sein, dass auch die vollbesetzte Kirche klanglich gefüllt wird . . . «

» . . . Die Großform des Orgelgehäuses bzw. -prospektes sollte an die Vorgaben der Architektur des Kircheninnenraumes angepasst sein. Dabei wird aber ein heutiger Entwurf erwartet, nicht der Versuch eines Entwurfs der zwanziger Jahre . . . «

Auswahl des Orgelbauers

Anfang Juni 1991 sind alle sechs Angebote eingegangen. Sie werden eingehend geprüft, nach bestimmten Beurteilungskriterien gegenübergestellt und bewertet. Dabei kommen zwei Orgelbaufirmen in die engere Wahl.

Nach sehr sorgfältiger Abwägung, Diskussion und teilweiser Überarbeitung und Ergänzung der Angebote sowie unter Berücksichtigung der Stellungnahme des Referates Kirchenmusik des Bistums beschließt der Verwaltungsrat unserer Gemeinde am 3. Oktober 1991 die Vergabe des Auftrags an die Firma Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG in Bonn.

Der am 18. November 1991 abgeschlossene Orgelbauvertrag mit der Firma Klais vereinbart die Lieferung und Montage unserer neuen Pfeifenorgel mit 40 klingenden Registern auf drei Manualen und Pedal, mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur in einem selbsttragenden massiven Eichenholzgehäuse zu einem Preis von 870.000 DM.

Die neue Orgel entsteht

Es folgen Vorabstimmungen und Festlegungen zur konkreten Ausführung und Aufstellung der Orgel. Dabei sind die Orgelbaufirma, das Referat für Kirchenmusik und das Dezernat Bau des Bistums, die Denkmalpflegebehörde und der Orgelkreis der Gemeinde beteiligt. Es wird unter anderem um die Gehäuseform, die Position des Instruments auf der Empore und die Farbfassung des Orgelgehäuses gerungen. Dann beginnen Konstruktion und Fertigung der Orgel in der Orgelbauwerkstatt Klais in Bonn.

Am 29. Oktober 1994 besuchte eine Gruppe von Gemeindemitgliedern und anderen Interessierten Bonn, um sich die Planung und Herstellung von Orgeln im Hause Klais anzuschauen. Dabei konnte auch das fast komplett aufgebaute Gehäuse unserer Orgel bestaunt werden.

Nachdem dann alle Einzelteile unseres Instruments (die Orgel wiegt ohne Verpackung rund 13 Tonnen!) am 8. November 1994 mit einem Lastzug nach Sachsenhausen transportiert worden sind, begann die Montage der Orgel in unserer Kirche.

Montageleiter der Firma Klais war Herr Beier.